»Crashkurs für linke Theorieposer und solche, die es werden wollen«

Die Dialektik:
Er will zum Döner und du zur Bratwurst, ihr trefft euch bei der Zuckerwatte. Aus zwei gegensätzlichen Auffassungen entwickelt sich die nächsthöhere Erkenntnisstufe. In der Gesellschaftstheorie heißt das »Dialektik«. Für einige Stränge linker Theorie ist die Dialektik die Rolltreppe zu Erlösung. Diese steht aber noch aus. Deswegen schwören andere auf:

das Rhizom!

Metapher für ein Denken, dass sich nicht mehr um den Baum der Erkenntnis dreht, sondern in unendlicher Mannigfaltigkeit ziellos in alle Richtungen wuchert. Das Handbuch zur Rhizomatik trägt den Titel »Tausend Plateaus« und wurde Gilles Deleuze und Felix Guattari verfasst. Im rhizomatischen Denken gelten Erkenntnis und Sinn als »out«, Vernetzung und Formenvielfalt sind »in«. Begriffe wie »gut« und »schlecht« lösen sich auf, womit sich auch die Gretchenfrage des Dialektikers Teddy Adorno erledigt hätte. Nach dem Motto: »Ein richtiges Leben im Falschen? Ist uns doch egal.« Nichts für den:

eindimensionalen Menschen.

Das gleichnamige Werk des führerscheinlosen Philosophen Herbert Marcuse hat viele inspiriert, die 1968 die Welt verändern wollten. Die Revoluzzer von einst sitzen heute in den Chefetagen von Politik, Wirtschaft und Kultur. Wer von einer Zukunft in der »Kulturindustrie« träumt, sollte deshalb beim Bewerbungsgespräch immer einen Marcuse-Joker im Ärmel haben:

»Ich finde, der Kunst wohnt irgendwie ein ganz eigenes subversives Potential inne…«
Oder, etwas poppiger, mit Blumfeld gesungen:
»Für was mir fehlt schreib ich ein Lied!«
Ja, ja, der gute, alte:

Verblendungszusammenhang.

Geld ist eine Droge und ihr seid alle drauf…. Die Natur, die Menschen, ihre Sinnlichkeit, alles verschwimmt im Schein von Mehrwert und Produktion. An den Schein haben wir uns so gewöhnt, dass wir ohne Werbung nicht mehr wissen, was wir wollen. Bestens damit arrangiert hat sich:

der King!

Natürlich nicht Elvis, sondern Rocko Schamoni. Einst Dorf-Punk heute Alt-Punk, zelebriert er seit Jahren überaffirmativ in glamourösen Shows den Gedanken der Pop-Linken. Der da besagt, dass eher durch Taten und Spektakel als durch Gremienarbeit was zu verändern sei. Was das noch mit Politik zu tun hat? Hm. Vielleicht weiß es ja Pop-Theoretiker Roger Behrens:
“Schamoni, der sagt halt, man müsse das Böse in den Verhältnissen wegschmusen. So. und jetzt kann man natürlich sagen, klar, das ist politisch.” Nichts genaues weiß man nicht, schließlich leben wir heute ja auch:

im Empire.

Die revolutionäre Idee von Michael Hardt und Antonio Negri: Weltumspannende Vielheiten, die die so genannte »Multitude« bilden, um dann mit vereinten Kräften endlich den leidigen Kapitalimus abzuschaffen. Eher unbeliebt macht man sich in Empire-Lesegruppen allerdings mit Sätzen wie »Werdet doch mal konkret!«

Und ratlos zurück bleibt einzig das ICH.
Marx meint, das Sein bestimme das Bewusstsein. Vielleicht fragt Nietzsche da zurecht: »Warum immer ich?« Und Adorno mosert wie immer: »Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sich ich sagen.« Deleuze fordert: »Seid Vielheit!« Dabei sagen viele am liebsten: »Ich war es nicht!«

Aber wer will schon sein wie alle anderen? Verblendet in eindimensionalen Rhizomen umherirren? Radio Alice ist sicher: Wer weiß wovon gesprochen wird behält den Überblick. Doch nicht vergessen, alles nur Erklärungsmodelle. Erst vom eigenen Standpunkt macht Posen so richtig Spaß…

[Die offensichtlichsten Rechtschreibfehler korrigiert, sowie kleinere Änderungen an der Formatierung von mir; kuchen]

(via)